LEXIKON DES
ERSTEN WELTKRIEGES
Soldatengräber im Elsass - Eine Spurensuche
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Grabsteine

Sag mir, wo die Gräber sind
Wo sind sie geblieben?
Sag mir, wo die Gräber sind
Was ist geschehen?
Sag mir, wo die Gräber sind
Blumen wehn im Sommerwind
Wann wird man je verstehn?
Wann wird man je verstehn?


Diese Strophe des von Marlene Dietrich erstmals in deutsch kreierten Kettenliedes „Where have all the Flowers gone? von Pete Seeger ist der richtige Beginn meines Aufsatzes.

Mir war das nie so bewußt, aber vor rund 100 Jahren war es selbstverständlich, daß junge Männer jüdischen Glaubens in Deutschland ihren Wehrdienst leisteten und auch im 1. Weltkrieg ihren Tod fanden. Auf Veranlassung Hindenburgs wurden die jüdischen Soldaten 1916 namentlich erfaßt. Einen Hinweis darauf erhielten wir bei einer Führung der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung über den jüdischen Friedhof in Darmstadt- Bessungen. Dort gibt es ein Erinnerungsdenkmal an die jüdischen Frontkämpfer. Etwa 80.000 deutsche Soldaten jüdischen Glaubens starben im ersten Weltkrieg. Im 3. Reich wurde darüber nicht mehr gesprochen. Das paßte nicht ins offizielle Bild vom feigen Juden.

Da mein Großvater Albert Schumann im 1. Weltkrieg verschollen ist, versuchte ich viele Jahre lang im Rahmen meiner eigenen Familienforschung seinen Weg als Ersatzreservist zu verfolgen. Der begann am 04. August 1914 in der Frankfurter Gutleutkaserne und endete wahrscheinlich am 07.11.1917 im Sundgau, dem Elsässer Jura. Am 04. August 1914 wurde das Landwehrinfanterie Regiment Nr. 81 in Frankfurt aufgestellt und am 22. August 1914 hatte es bei Kaysersberg, dem Geburtsort des Urwalddoktors Albert Schweitzer, die ersten tödlichen Verluste. Rechtsgrundlage für die preußische Landwehr bildete die Verordnung vom 17.03.1813, die König Friedrich Wilhelm in Breslau erlassen hatte. Die Landwehr sollte im Zuge der von Scharnhorst vorgeschlagenen Heeresreform das stehende Heer unterstützen.

Es war eine bunt zusammengestellte neue Einheit und natürlich gab es in ihr auch jüdische Soldaten, zum Beispiel Max Levi und Sally Kirchheimer. Meist waren die Wehrmänner verheiratet. Sie wurden am 08. August von Frau und Kind begleitet, als sie am Frankfurter Südbahnhof den Zug bestiegen, um zunächst nach Straßburg verfrachtet zu werden. Viele hatten „gedient“, wie man damals sagte, waren aber etwas außer Übung. Ersatzreservisten, wie mein Großvater, waren zwar gemustert (ich fand seinen Eintrag in der Musterungsstammrolle aus dem Jahre 1906, die merkwürdigerweise in einem Archiv die Zeit überdauert hatte. Er hatte einen Schaden am linken Ellbogengelenk und wurde deshalb zu Friedenszeiten nicht eingezogen). Eigentlich sollte die Einheit bei Straßburg schanzen und auf einen Einsatz vorbereitet werden. Aber es kam anders.

Frankreich hatte sich sofort die Wiedergewinnung des Elsaß zum Ziel gesetzt. Das war eine Prestige - Angelegenheit. Eine Stoßrichtung ging durch die Burgundische Pforte in Richtung Mühlhausen und zum Rhein. Oftmals war diese Gegend, der Sundgau, in der Vergangenheit Schauplatz blutiger Kämpfe. So sollen im Jahre 58 vor Chr. Cäsar`s geschulte Legionen gegen die Germanen des Königs Ariovist gekämpft haben, drangen 282 und 357 Alemannen dort ins Innere Galliens ein. Es folgten Vandalen, Ulanen und Hunnen. Zunächst ging dieser Drang von Osten nach Westen. Nach dem 30-jährigen Krieg fiel der Sundgau unter dem Sonnenkönig nach Westen, an Frankreich. Im Friedensvertrag von 1871 trotzte das neue deutsche Kaiserreich – dessen „Ausrufung“ im Spiegelsaal des Schlosses Versailles Frankreich immer als Provokation empfand, diesen fruchtbaren Landstrich den Franzosen wieder ab. Dabei berief man sich auf den Teilungsvertrag von Meersen der Erben Karls des Großen aus dem Jahre 873, wonach das Elsaß und weite Teile Lothringens zum Heiligen römischen Reich deutscher Nation kamen.

Die eine Stoßrichtung des französischen Angriffs ging von Belfort aus bis Mühlhausen, wurde dort von deutschen Truppen gestoppt und etwa bis zur Gegend um das Kreisstädtchen Altkirch zurückgedrängt. Dort versteiften sich die beiden Armeen. Wahrscheinlich fand in dieser Gegend mein Großvater am 07. November 1917 in einem durch Trommelfeuer völlig zerstörten Unterstand zwei Kilometer westlich von Heidwiller, am Schönholz, den Tod.. Siehe spätere Einzelheiten.

Eine weitere Stoßrichtung ging von St. Die aus (das ehemals St. Diedel hieß) über das früher zur Grafschaft Salm gehörende Gebiet um die Abtei Semones (als Lehenträger des Bischofs von Metz), Langstein und Blankenburg (das Flüßchen Plain bildete ehemals die Grenze zwischen Frankreich und dem alten deutschen Reich) ebenfalls in Richtung Rhein. Das Städtchen Semones (früher Sems) führt heute noch zwei Salmen in seinem Wappen Ab 1793 war das französisches Gebiet; der Teil Lothringens, der 1801 durch den Vertrag von Luneville an Frankreich abgetreten wurde und 1871 nicht wieder zu Deutschland kam. Das Haus Salm wurde für den Verlust durch rechtsrheinische Gebiete entschädigt; so wie Hessen-Darmstadt für den Verlust des Hanauer Ländchens im Elsaß entschädigt wurde. (Oberst Felix Salm war Flügeladjutant und enger Vertrauter des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexico, einem Bruder von Kaiser Franz-Josef von Österreich. Mit diesem wurde er zunächst zum Tod durch Erschießen verurteilt, später aber begnadigt. Dann war er als Major in Preußischen Diensten und fiel im Krieg 1870 bei Gravelott).

Der Angriff ging über den Grenzkamm bei Markirch nach Osten bis nach Kaysersberg. Eingesetzt wurde mit den Alpenjägern eine französische Eliteeinheit, mit denen die deutsche Heeresleitung nicht gerechnet hatte. Sie erwartete daß Italien, das mit Deutschland und Ostreich im Dreibund vereint war, in den französischen Alpen angreifen würde, wodurch die Alpenjäger dort gebunden seien. Dem war aber nicht so. Im Gegenteil, Italien sah eine günstige Gelegenheit, seine Nordgrenze auf den Alpenhauptkamm vorzuschieben – was ja im Friedensvertrag von St. Germain 1919 auch weitgehend gelang.

Alpini


Diesen Alpenjägern wurden überhastet deutsche Einheiten, darunter das Frankfurter Landwehrregiment Nr. 81, entgegengeworfen und siehe da, sie drängten die Franzosen bis über die Landesgrenze, bis vor St. Die, zurück. Die Fronten versteiften sich dann auch hier in den Vogesen.

10. Kompanie in La Pariee


Teil der 10. Kompagnie in La Pariee, westlich von Kaysersberg am 25. Mai 1915 mit Albert Schumann, sitzend rechts. Wer Sally Kirchheimer war, konnte ich nicht ermitteln.

Was war der Preis für diese Kämpfe in den Vogesen und im Sundgau? Am Kriegsende 1918 blieben 49.632 deutsche und 58.588 französische Soldaten auf 34 deutschen und 56 französischen Kriegsgräberstätten des Elsaß zurück – ein Beweis für sinnlose Opfer. Deutschland mußte das Gebiet im Versailler Vertrag 1919 wieder an Frankreich abtreten. Zwischen 1940 und 1945 wurde es von Deutschland annektiert. Die jungen Männer, die teilweise in der französischen Armee gedient hatten, mußten zur Deutschen Wehrmacht oder der Waffen-SS einrücken. Seitdem gehört die Gegend endgültig zu Frankreich. Es gibt im Elsaß das Denkmal einer Mutter, die den Tod zweier Söhne beweint – einer starb für Frankreich, einer für Deutschland – Wahnsinn!

Als ich im Jahre 1966 mit der Suche nach dem Grab meines Großvaters begann, hatte ich keinerlei Unterlagen. Mein Vater wußte nur das, was ihm seine Großmutter, die ihn großzog, erzählte. Seine Mutter war – hochschwanger, im Frühjahr 1917 an einer Blutvergiftung gestorben, die sie sich bei der Reinigung der total verdreckten Kleidungsstücke zuzog, die mein Großvater bei einem Heimaturlaub mitgebracht hatte. Das Regiment war zu dieser Zeit in Norden von Verdun eingesetzt. Nach der Überlieferung sei er im November 1917 „am Hartsmannsweiler Kopf“ gefallen – durch einen Kopfschuß, wie ein Kamerad berichtet habe. Das sei aber anzuzweifeln. Offiziell galt er als vermißt und man hoffte lange, er sei in Kriegsgefangenschaft geraten und komme irgendwann zurück.

Unzählig sind die Stellen, die ich zwischen 1966 und 2008 kontaktierte. Mehrmals suchte ich alle in Frage kommenden Friedhöfe auf, sprach mit Friedhofswärtern – alles vergeblich. Fakt ist, daß das Regiment bei Kriegsbeginn 2.883 Offiziere und Mannschaften zählte. Davon sind 863 während des Kriegs gefallen – soviel die offizielle Statistik. Der Name meines Großvaters ist in der Gefallenenstatistik nicht erwähnt. Ich wollte schon aufgeben.

Handschrift
Wie alles begann!


Nach dem ich 1995 Rentner wurde forschte ich weiter. Ich fand die Berichte von allen Gefechten, an denen die 81er von 1914 bis 1918 teilnahmen, meist mit den Skizzen des Frontverlaufs. Mein Großvater wurde zweimal namentlich erwähnt, aber nichts über seinen Tod. Dann fand ich eine Aussage seines Kriegskameraden Sally Kirchheimer vom Juni 1919 im Kriegsgefangenenlager Cie.P.G.S.A.4, Aktenzeichen 49901/B824/302 bzw. IV D 3292/19 des Deutschen Kriegsministeriums. Er habe meinen Großvater am 07.11.1917 zwischen 3,00 und 4,00 Uhr nachmittags bei Heidweiler einen Kopfschuß erleiden sehen. Sein Ableben sei unzweifelhaft.

An diesem Tag wurden die Stellungen bei Heidwiller entlang der Straße Nieder-Spechbach nach Anspach stundenlang mit Granaten, zuletzt mit Gas, beschossen, dann kam die Infanterie. Nur wenigen soll es noch gelungen sein, aus ihren zerschossenen Erdlöchern herauszukommen, in die Handgranaten geworfen wurden. Der Btl.-Kommandeur Hauptmann Kleiner nahm die wenigen Überlebenden aus den Vorgräben am Schönholz auf die besser zu verteidigenden Stellungen an der Straße zwischen dem Kanal und Anspach zurück.

Erst wenige Tage vorher hatte das Regiment diese schlecht gesicherte Grabenanlage übernommen. Der Auftrag lautete sie auszubauen, da man einen Großangriff im Sundgau erwartete. Dazu reichten die wenigen Tage nicht mehr aus. Trotzdem wurden zwei Offiziere für die Verluste verantwortlich gemacht.

Die offizielle Verlustmeldung für diesen einen Tag für das III. Bat.:
9. Kompagnie: verwundet 2 Offiziere, vermißt 1 Offizier und 66 Uo und Mannschaften
10. Kompagnie: verwundet: 8 Mann, tot: 13 Uo und Mannschaften, vermißt: 1 Offizier und 45 Uo. und Mannschaften (darunter mein Großvater und Sally Kirchheimer)
11. Kompagnie: tot: 7 Uo und Mannschaften, verwundet: 5 Mann
3. MG. K.: tot: 1 Mann, verwundet: 5 Mann.

Das III. Btl. war zwischen dem Flüßchen Larg, das unweit östlich davon in die Ill mündet, der Brücke über den Rhein-Rhonekanal mit der Schleuse 28 und südlich davon in der nach Westen vorspringenden unübersichtliche Stellung in der bewaldeten Hanglage am Schönholz eingesetzt. Die 9. und 10. Komp. mußte hier die höchsten Verluste hinnehmen. Die Stellungen der Deutschen und Franzosen lagen dicht beieinander, wobei die Franzosen auf der 338 Meter hohen Bergkuppe saßen und gute Sicht nach Osten bis Illfurth hatten. Mehrere Versuche, sie von dort zu vertreiben, waren gescheitert.

Die Stellungen des Regiments sind hier als Bereich Heidweiler bezeichnet. Der südliche Nachbar, als Bereich Altkirch bezeichnet, war das Landwehr – Infanterie-Regiment 93.

Stellungen-Heidweiler


Von den 113 Vermißten lief später die Nachricht ein, daß 41 in Gefangenschaft seien (darunter Sally Kirchheimer) und 72 galten als vermißt, darunter mein Großvater.

Soweit die nackten Zahlen, hinter denen sich menschliche Urängste, Schmerzen und Leid der betroffenen Familien verbergen.



Hauptmann Kleiner wurde abgelöst und übernahm ein Ersatzbataillon in der Heimat. Der Regimentskommandeur Oberstleutnant Grell kam aus dem Lazarett und hatte die Einheit erst am 28. Oktober übernommen. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und schied ganz aus der Armee aus.

Es dauerte lange, bis ich diese Einzelheiten herausbekam; zu lange, um Sally Kirchheimer noch selbst befragen zu können. Er ist am 03.12.1894 in Berwangen Kreis Heilbronn, das heute zu 74912 Kirchardt gehört, geboren. Am 22. Oktober 1940 wurde er von Karlsruhe aus nach Gurs (Südfrankreich) gebracht, dort interniert und von dort 1942 nach Auschwitz deportiert (organisiert durch SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker). Sein genaues Todesdatum steht nicht fest. Aber da er in Gurs nur mit 800 Kalorien täglich ernährt wurde war er so geschwächt, daß er nicht mehr arbeitsfähig war und alsbald umgebracht wurde. Er wurde für tot erklärt. Was half ihm also die zweimalige Erwähnung besonderer Tapferkeit, die Beförderung zum Gefreiten? (Quelle: Bundesarchiv).

Als Zeuge unterschrieb 1919 auch ein Wilhelm Kern. Dieser Namen kommt auch z.B. in Egelsbach vor. Ich konnte aber noch nicht ermitteln, welcher Wilhelm Kern 1919 in dem Kriegsgefangenenlager Cie.P.G.S.AQ 4 war. Auch er dürfte längst verstorben sein, man kann ihn deshalb heute nicht mehr befragen.

Natürlich war ich auch in Heidwiller, das jedoch im Frühjahr 1917 von der jammernden Bevölkerung geräumt werden mußte. Deshalb konnte oder wollte sich niemand an die Kämpfe vom November 1917 erinnern – es gibt dort auch keine Aufzeichnungen.

Wappen von Heidwiller


Die Gefallenen und Erstbestatteten deutschen Soldaten im Sundgau wurden zwischen 1920 und 1924 ohne Mitwirkung deutscher Stellen auf die zentrale Kriegsgräberstätte in Illfurth, etwa 5 Kilometer von Heidwiller entfernt, umgebettet.. Von den rund 2000 deutschen Soldaten waren sieben mosaischen Glaubens. Deren Gräber sind gekennzeichnet: „Hier ruht …Möge seine Seele eingebettet sein in den Kreis der Lebenden“.

Soweit die Namen der rund 2000 festgestellt werden konnten sind sie erwähnt. Es gibt aber auch ein Massengrab mit den Gebeinen von 520 Soldaten, deren Namen nicht ermittelt werden konnten, obwohl diese doch Erkennungsmarken trugen. Wenn die Aussage „Kopfschuß“ gestimmt hätte, hätte man die Erkennungsmarke meines Großvaters finden müssen. Wenn er aber nicht in Gefangenschaft geriet und keine Marke gefunden wurde, muß der Körper bis zur Unkenntlichkeit zermalmt worden sein. Deshalb ist die Aussage „Kopfschuß“ zweifelhaft.

Ich fürchte, daß ich nicht mehr herausbekomme. Die deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel hat nach meinen Recherchen im Jahre 1975 an dem Massengrab auf einer kupfernen Namensplatte die Daten meines Großvaters anbringen lassen. Völlige Gewißheit erhalte ich wohl kaum noch.

Hier also seine wahrscheinliche Grabstätte:
Friedhof-Illfurth Außenansicht


Erwähnung Albert Schuhmann


Bei meinen vielseitigen Versuchen stieß ich auf die Recherchen eines in Jerusalem lebenden Mannes namens Sev. Kahn, dessen Großvater mütterlicherseits ebenfalls bei den 81ern diente. Sev war als Kind 1938 mit seiner Mutter, einer geborenen Levi, die ihren Vater nicht mehr bewußt erlebt hatte, nach Israel emigriert. Sie wußten auch gar nichts und begannen eine jahrelange Suche, die jedoch insoweit zum Ergebnis führte, daß in den Vogesen seine Grabstätte gefunden wurde.

Aus seinen Unterlagen wußte er nur, daß sein Großvater Markus Levi hieß und in den Vogesen gefallen sein sollte. Lange dauerte es alleine bis er herausfand, bei welcher Einheit er gedient hatte und daß er sich bei den Soldaten Max Levi genannt hatte, aus welchem Grund auch immer. Ja und vor einigen Jahren war es dann endlich soweit: Er stand in den Vogesen am Grab des Wehrmannes Max Levi, der beim verlustreichen Sturmangriff des Regiments auf die Höhe 600 nördlich von Lusse gefallen ist. Seine Erstbestattung fand zunächst bei La Pariee statt. Später wurde er von den Franzosen nach Bertimoutier umgebettet. Als Israelit war er aber zunächst entsetzt: Über dem Grab stand ein christliches Kreuz, kein Hinweis auf die jüdische Religion des deutschen Soldaten, der hier beerdigt ist. Spontan wollte er das ändern lassen. Aber nach dem er sein Kaddisch („Jisgadal wejiskadasch – erhöhet und geheiligt werde“- das uralte Gebet, das in aramäischen Worten den Ewigen, Einzigen, Einigen lobpreist“.) gebetet hatte sagte er sich: „Jetzt liegt Großvater so viele Jahre mit seinen christlichen Kameraden zusammen, lassen wir es so wie es ist, soll er unter einem Kreuz liegen“. Seine Kinder und Enkel veranlaßte er, wann immer sie könnten von Israel aus in die Vogesen zu fahren und dort am Grab des Vorfahren zu beten, der als deutscher Soldat gefallen ist.

Skizze


Beim verlustreichen Sturm der 81er auf die Höhe 600 starb Max Levi; auch Salli Kirchberger war unter den Erstürmern, hatte sich freiwillig dazu gemeldet, für die 1. Sturmreihe

Grab con Max Levi


Zuletzt war ich am 5. und 6. August 2008 im Elsaß. Ich begann im Sundgau, der sanften Hügellandschaft, in den Dörfchen um den Hauptort Altkirch. Sie wetteifern miteinander, wer den schönsten Blumenschmuck aufzuweisen hat, im Sommer sieht das freundlich aus. Die alte Bausubstanz wird liebevoll gepflegt. Natürlich gibt es auch wie bei uns Bausünden aus den Jahren 1960 bis 1980. So stehen auch in Altkirch neben Fachwerkbauten lieblose Wohnblöcke.

Der Friedhof in Illfurth ist geschickt in ein stilles Seitental eingebettet. Viel Rotsandstein wurde verwendet und der vermittelt eine warme Atmosphäre. Die deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt ihn sorgfältig. Aber die Gemeinde Illfurth gibt sich wenig Mühe, vorbeifahrende Autofahrer auf diese Gräberstätte hinzuweisen. Es gibt noch einen einzigen Hinweis unten an der Bahnlinie. Ich war schon mehrmals dort und fand deshalb auch diesmal den Weg sofort. Andere werden achtlos vorbeifahren.

In Heidwiller ist eine Besichtigung des Schlosses nicht möglich (einst gehörte es der Familie der von Goethe so verehrten Lotte Buff). – Privatbesitz, heißt es auf einem Schild. Von außen sehen Park und Schloß unbewohnt aus. So, als hätte sich seit 1917 nichts mehr geändert, als das Gebäude vom Kommandeur des III. Bataillon der 81er und seinem Stab bewohnt wurde. Die 1917 hart umkämpfte Schleuse 28 des Rhein-Marne-Kanals träumt vor sich hin als gäbe es nicht mehr viel Schiffe, die noch durchzuschleusen sind. Die gleichfalls umkämpfte Kanalbrücke wurde durch einen Neubau ersetzt. Im Schönholz, dem hügelansteigenden Waldstück 2 Km westlich von Heidwiller, in dem am 7. November 1917 besonders die 9. und 10. Kompagnie hohe Verluste erlitt, wurden breite Schneisen für eine mächtige Stromüberlandleitung geschlagen. Die Wunden, die ehemals dem Gelände durch Gräben und Stollen beigebracht wurden, sind verheilt. Nichts erinnert mehr daran; anders als am Linge- und Hartmannsweilerkopf, wo heute noch die betonierten Stellungen vorhanden sind und riesige Denkmäler an diese schlimmen Zeiten erinnern – beides ist gut so. Erinnerungen dürfen nicht überhand nehmen. Nur sollte man Lehren daraus ziehen.

In diesem Jahr scheint es im Sundgau viele Störche zu geben. 1914 sollen sie schon Ende Juli nach Süden geflogen sein. Ältere Leute sahen darin ein schlimmes Omen …. und sie behielten recht. In der Vergangenheit schien der Storch, ein Symbol des Elsaß, dort schon weithin ausgestorben zu sein. Heute findet er wohl in den flachen Gewässern wieder ausreichend Nahrung. Als Glosse ist der Bericht zu werten, den ich unlängst in einem Elsaß-Bericht las: Ein Enkel aus Truchtersheim fragte seinen Großvater auf Französisch: „Großvater, warum gibt es keine Störche mehr im Elsaß?“ Der Großvater antwortete in seiner Mundart: „Weisch Bue, wenn d` Stoerick üwers Elsaß flieje, heere se üwerall franzeesch reede. Dann meine se, sie wäre noch nit ankumme un flieje widdersch“. Tatsache ist, daß die deutsche Sprache im Elsaß ausstirbt. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die Kinder müssen für ihr späteres berufliches Leben in erster Linie französisch beherrschen. Dann kommt englisch als international wichtigste Fremdsprache hinzu. Für deutsch bleibt da nicht mehr viel Zeit. Aber welches Schulkind lernt bei uns heute noch französisch? Ein Versuch in Baden-Württemberg, dies per Gesetz zu ändern, ist vor wenigen Jahren am Widerstand der Eltern kläglich gescheitert. Deshalb komme auch ich bei Gesprächen mit jüngeren Menschen dann, wenn meine rudimentären Kenntnisse des französischen nicht ausreichen, mit englisch im Elsaß viel besser zu recht.

Stoerche im Elsaß
Störche im Elsaß


Am späten Nachmittag fuhr ich dann weiter in die Vogesen; in das Gebiet, in dem die 81er zu Kriegsbeginn mehr als ein Jahr lang eingesetzt waren. Ich benutzte die Straße, die sich zum Teil bis zu 1400 Meter hoch über die Berggipfel schlängelt, die Route des Cretes. In der Nähe des Weiß-Sees übernachtete ich in einer 1115 Meter hoch gelegenen Berghütte am Bonhomme, die im Sommer Standplatz für Wandergruppen, im Winter für Skifahrer ist.

Berghütte Refuge de la Tinfronce


Auch dort gibt es zum Glück kaum noch Spuren des Krieges mehr, in dem sich Franzosen und Deutsche, teilweise nur um 30 Meter getrennt, gegenüber lagen. In der Nähe der Hütte gibt es noch in 1219 Meter Höhe die Reste einer in die Felsen des Tete de Faux (Buchenkopf) eingebetteten kühnen Felsenfestung der Franzosen, die von den Deutschen vier Jahre lang vergeblich berannt wurde.

Buchenkopf
(am Buchenkopf)


Heute wetteifern Skilifte und riesige Überlandstromleitungen um die Beherrschung des Blickfelds.

Am nächsten Morgen fuhr ich zunächst zur Kriegsgräberstätte Bertimoutier, wohin die Gefallenen der 81er von La Pariee aus umgebettet wurden. Es gibt im Ort keinerlei Wegweiser zu dieser Stätte. Ein Landwirt erklärte mir dann den Weg und dort fand ich ganz schnell im rechten Gräberfeld das Grab Nr. 2/574 des Wehrmanns Max Levi, der in Friedenszeiten ein Lehrer gewesen war. Es gibt in der Tat keinerlei Hinweis auf die jüdische Religion des Toten. Nach vorliegenden Unterlagen hatte er sich zu dem schwierigen Sturm auf die Höhe 600 freiwillig gemeldet. Nach 1933 hätte ihm das nichts genutzt. Wenn es ihm nicht gelungen wäre rechtzeitig zu emigrieren, wäre er als Volksfeind in einem KZ hingerichtet worden. Der Dank des Vaterlands ist dir gewiß, sagte man ihnen damals. Wie der aussah? Siehe Salli Kirchheimer.

Friedhof Bertimoutier


Dieser Friedhof in Bertimoutier wirkt sehr eintönig.

Eine große Ansammlung von mehr als 6000 Namenskreuzen, ausgerichtet wie mit dem Lineal, ganz anders als der in Illfurth.

Den bestatteten Menschen hilft es zwar nicht weiter, ob sie auf einem schönen oder weniger schönen Friedhof liegen und ob der Weg dorthin gut oder weniger gut ausgeschildert ist.

Aber es sagt doch etwas aus über die Achtung, das Mitgefühl, das heutige Generationen diesen Toten entgegenbringt.

Zum Abschluß fuhr ich noch einmal nach La Pariee. Vom dortigen Aufenthalt schwärmten die 81er noch jahrelang. Er dauerte länger als ein Jahr. Dort hatten sie auch liebevoll einen Friedhof für ihre gefallenen Kameraden eingerichtet. „Dort hat mer noch sei Ordnung gehabt“ meinten die Frankfurter Wehrleute. Sie hatten so gute Unterkünfte wie später nie mehr, als sie in Erdlöchern oder gar ganz im Freien kampieren mußten – erst im Sundgau wurde das wieder besser. Ja und in La Pariee war ja auch die Zivilbevölkerung noch da und da scheint sich doch ein gutes Verhältnis zwischen ihnen und den Wehrmännern ergeben zu haben. Auf Veranlassung des Internationalen Roten Kreuzes kam eine Schweizer Untersuchungskommission. Sie bestätigte, daß in der internationalen Presse geschilderte Greueltaten der Deutschen gegenüber der Zivilbevölkerung zumindest im Bereich der 81er nicht zutrafen.

Auf dem Weg nach La parièe


Da der Tunnel von La Pariee nach Markirch, von 1871 bis 1919 Grenzort zwischen Deutschland und Frankreich, an diesem Tag wegen Bauarbeiten gesperrt war, fuhr ich über die Paßstraße und Wisembach nach Markirch, das heute St. Marie aux Mines heißt, was auf den früheren Bergbau hinweist. Dies war früher auch Grenze zwischen dem katholischen Lothringen im Westen und dem evangelischen Teil des Elsaß im Osten. Heute ist das Provinzgrenze. Hier beginnt die Provinz Oberelsaß.

Otto Schumann
im August 2008

 

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